
Was ist die innere Stadt?
Wie oft habe ich abstrakt über Formungsprozesse innerhalb einer Gesellschaft nachgedacht und mir Fragen gestellt über die Wirkkraft von Kunst, dem plastischen Gestalten von Lebensräumen… jedoch kam ich Ende 2015 angesichts der bedrückenden Bilder der Flüchtlingsströme ins Stocken.
Wie kann man als Einzelperson so einer großen Aufgabe begegnen? Wie sehr steht diese Realität meiner theoretischen Idee einer Gesellschaftskunst doch diametral gegenüber. Soll ich mich in Helferkreisen einbringen und mich irgendwo engagieren, oder soll ich ein eigenständiges Format entwickeln mit den Mitteln der Kunst? Bei einem der vielen Küchentischgespräche über diese Fragen reifte dann der Entschluss zu Zweiterem… denn der Gedanke der „Künstlerischen Erfassung“ war geboren.
Wir hatten gerade das Forum der „ZUSAMMENKUNST“ gegründet, einer freien Plattform für künstlerisches Handeln im gesellschaftlichen Kontext, wir waren gerade dabei, das Projekt „anders herum denken“ in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Fürth, der kunst galerie fürth und dem Künstlerhaus Nürnberg zu realisieren – da drängte sich mir dieser Gedanke auf, eine bundesweite „Künstlerische Erfassung“ im Kontrast zur bürokratischen Erfassung durchzuführen.
Alle ankommenden Fremden sollten in einem großen künstlerischen Prozess in die Gesellschaft eingeführt werden. Menschliche Brücken sollten entstehen und Ängste abgebaut werden, so dass sich Gemeinsinn und Verständnis entwickeln können.
Eine hehre Vision!
Vielleicht ist es gut, realitätsfremd zu sein, um neue Realitäten schaffen zu können, denn außer dieser Vision war da nichts. Kein „Auftraggeber“, kein Geld, kein Kontakt zu irgendeiner Organisation, … nur der Gedanke einer „inneren Stadt“, einem sozialen Raum der Mitmenschlichkeit. Das war der Start dieser Gesellschaftsinszenierung mit dem Titel: DIE INNERE STADT.
Das erdachte Konzept bestand aus drei Teilen, und wieder war es erst eine abstrakte künstlerische Idee, … die sich dann jedoch sehr schnell und sinnlich und weitreichend entwickelte. Lesen Sie über einen Prozess der am Küchentisch begann, der mit seiner Utopie, „alle“ Flüchtlinge künstlerisch erfassen zu wollen gnadenlos scheiterte, der aber trotzdem weitreichend Kreise zog und auch weiter kreisen wird.
Die INNERE STADT sind also wir, die den sozialen Lebensraum in unserem Umfeld selber bestimmen.
Die Dramaturgie des Projektes DIE INNERE STADT hat sich aus der Dramaturgie der Flüchtlingsströme nach Deutschland und Europa entwickelt. Die Arbeit besteht aus drei Teilen:
1. KÜNSTLERISCHE ERFASSUNG
2. MENSCHLICHE ERSTAUFNAHME
3. SOZIALE GRUNDVERSORGUNG

Jeder geflohene Mensch kann sich „künstlerisch erfassen“ lassen, indem wir zu ihm gehen und er/sie ein sogenanntes Profilbild von sich selbst gestaltet – also das aufschreibt, was er/sie über sich berichten will. Diese Bilder werden gemeinsam ausgestellt – jedoch in verpackter Form.

Zur Ausstellungseröffnung können jene Profilbilder von den Besuchern gegen 10,- EUR enthüllt werden – und jeder einzelne Mensch wird dadurch sichtbar. Das eingenommene Geld steht der „sozialen Grundversorgung“ zur Verfügung.






Stationen
Kunstverein Kohlenhof Nürnberg
November/Dezember 2015
Team: Volkmann, Klier, Maubach, Pieger
Im Oktober 2015 entstand das Konzept DIE INNERE STADT. Einen Monat später hatte das Team der ZUSAMMENKUNST bereits 24 Flüchtlinge „Künstlerisch erfasst“. Die entstandenen Profilbilder stellten wir dann 4 Wochen lang im Kunstverein Kohlenhof aus. Am 23.12. 2015, also einen Tag vor Weihnachten, kochten die Flüchtlinge Speisen aus ihrer Heimat aus dem eingetauschten Geld von der Eröffnung. Sie wurden somit zum Gastgeber in der Galerie.
Ehrenhalle im Rathaus Nürnberg
März 2016
Team: Volkmann, Klier, Maubach, Pieger, Barthmeyer, Schmerling, Koller
Die zweite Station der INNEREN STADT fand an ein politischen Ort statt – im alten Rathaus Nürnberg. 22 geflohene Menschen aus Syrien Iran, Irak, Eritrea und Somalia gestalteten ihre „Profilbilder“, die dann bei der Ausstellungseröffnung, der „Menschlichen Erstaufnahme“, von den Besuchern ausgepackt werden konnten, gegen 10,- EUR wohlgemerkt! Weitergehend ging es bei der Eröffnung um die Frage: Wer will seine private Küche für ein gemeinsames Kochen mit Flüchtlingen öffnen? Daraus entstanden fünf Kochpatenschaften: Fünf Familien kamen dann mit dem fertig gekochten Speisen zur „Sozialen Grundversorgung“ ins Rathaus, wo der Tisch schon errichtet war.
Einwohnermeldeamt im Rathaus Murnau
Mai 2016
Team: Barton (VHS), Volkmann
Im April 2016 konnte die ZUSAMMENKUNST eine Zwischennutzung im Einwohnermeldeamt in Murnau erwirken. Dort, wo sonst Anträge ausgestellt wurden, hingen nun 25 Profilbilder von geflohenen Menschen. Der Bürgermeister Herr Beuting eröffnete die Ausstellung und die Bilder wurden wieder gegen 10,- EUR von den Besuchern ausgepackt. Die „Soziale Grundversorgung“ fand diesmal draußen vor dem Rathaus statt. Gekocht wurde wieder in Kochpatenschaften – Speisen aus aller Welt kamen auf den Tisch. Am Ende des Tages wurde spontan um den Tisch herum getanzt.
Bahnhof Gauting / Bosco Gauting
Juni 2016
Team: Bauer, Volkmann, Werndorfer, Kausche, Friedrich, Hettler, u.a.
In Gauting fand die „Künstlerische Erfassung“ parallel in mehreren Gruppen statt, sodass über 30 Flüchtlinge eine Profilbild von sich gestalteten. An einem Ort des „Kommen & Gehens“, in einer ehemaligen Gaststätte am Bahnhof Gauting, stellten wir dann alle Bilder aus, natürlich wieder verpackt. Zur Eröffnung enthüllte die Bürgermeisterin Frau Kössinger das erste Bild. Wir konnten wieder einige Kochpatenschaften für die Finissage vermitteln. Diese fand dann im Bosco statt; im großen Theatersaal stand der große Tisch und lud, nach dem Sonnenuntergang – Ramadan!, alle zum Essen ein.
Galerie FOE, München
Juli 2016
Team: Siebeck, Ludwig Volkmann
Erstmals wurde das Projekt DIE INNERE STADT finanziell unterstützt, Dank des Kulturreferates Münchens. In der Flüchtlingsunterkunft in Engelschalking mussten wir die „Künstlerische Erfassung“ im Freien improvisieren, denn es gab in der Containersiedlung keinen Gruppenraum, der groß genug war. 19 Flüchtlinge fanden sich dann in der Ausstellung zur Eröffnung ein und waren stolz auf ihre enthüllten Profilbilder. Das Kochen fand diesmal in der Galerie statt und jeder Galeriebesucher konnte zuschauen oder mitkochen. Speisen aus Syrien, dem Iran, Irak, Somalia, Eritrea… wurden zum Festmahl.
Gustav-Adolf-Gedächtniskirche, Nürnberg
September 2016
Team: Klier, Klever, Volkmann, Maubach, Pieger
Bei der Suche nach verschiedenen Ausstellungsorten für die INNERE STADT, um möglichst unterschiedliche Menschen zu erreichen, konnten wir mit der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in der Südstadt von Nürnberg kooperieren. In der nahegelegenen Flüchtlingsunterkunft entstanden die Profilbilder. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst wurden die verpackten Bilder dann am Altar enthüllt und in der Kirche aufgehängt. Die Finissage fand zentral im Kirchenraum statt. Ein großer Tisch wurde zum Sinnbild der Predigt und zum realen Ereignis für ein gemeinschaftliches Miteinander.
Pellkovenschlösschen, München
November 2016
Team: Volkmann, Siebeck, Ludwig, Sedagat
Durch die Zusammenlegung zweier Unterkünfte in München entstand eine Containersiedlung für ca. 180 Flüchtlinge. Hier führten wir die nächste „Künstlerische Erfassung“ durch, bei welcher weitere 16 Profilbilder entstanden.
Die Ausstellungseröffnung fand dann im Pellkovenschlösschen statt und ging lang in den Abend hinein. Alle „Bilder“ wurden einzeln eröffnet und somit zu berührenden Begegnungen, aus welchen dann auch sechs neue Kochpatenschaften an diesem Abend für die Finissage entstanden. Diese „Soziale Grundversorgung“ wurde sehr lebendig, der Tisch war übervoll mit gekochten Speisen aus all den Ländern und ca. hundert Menschen aßen am Tisch zusammen und lernten sich kennen.
Auferstehungskirche, Nürnberg
März 2017
Team: Maubach, Volkmann, Klier, Masud
In der Regensburger Straße in Nürnberg liegt im „Wald“ versteckt eine Flüchtlingsunterkunft, in der wir 16 Menschen „künstlerisch erfasst“ haben. Die naheliegende Auferstehungskirche in Zabo/Nürnberg war weiterführend unser Partner für die Ausstellung.
Christen und Moslems feierten dort die „menschliche Erstaufnahme“. Zur Finissage räumten wir die Küche leer und stellten diagonal den großen Tisch für das gemeinsame Essen auf. In 7 privaten Küchen fanden sich dann Flüchtlinge und Nürnberger zusammen und kochten für die „soziale Grundversorgung“.
Schauburg, München
Juni 2019
Team: A. Marton, J. Volkmann
Gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München
Jugendliche und junge Erwachsene, die über Jahre ihre Heimat verlassen haben, treffen sich in der Schauburg München zur „Künstlerischen Erfassung“. Die Ausstellung der Profilbilder im Foyer des Theaters geben Einblick in die Lebensverhältnisse und Gedanken der Menschen.
Für den 6. Juli stellen Münchner Bürger/innen ihre Küchen zur verfügung, um mit den jungen Menschen gemeinsam zu kochen – für die „Soziale Grundversorgung“.
Der große Tisch steht öffentlich auf dem Elisabethplatz – und jeder ist eingeladen, die vielfältigen Geschmäcker der Welt zu genießen.
Presse
Nahaufnahme: Radiobeitrag im BR
Im Rahmen der Sendung „Nahaufnahme“ hat der BR uns begleitet und am 25.11.2016 einen ca. halbstündigen Beitrag zur Begegnung gesendet.
Den Mitschnitt können Sie hier anhören.
Notizbuch: Radiobeitrag im BR
Im Rahmen der Sendung „Notizbuch“ des BR gab Johannes Volkmann ein Interview über das Projekt „Die innere Stadt“.
Den Mitschnitt des Gesprächs können Sie hier anhören.











